Wallis 10K

10'000 Tiefenmeter an nur einem Tag mit dem Bike shredden! Damit wirbt Davos für ihre Bahnentour, die der «ultimative Enduro Kick» in den Alpen sei. Damit dies gelingt, nutzt man neunmal die Bergbahnen in Davos und Klosters und geniesst die schönen Single-Trails, vom frühen Morgen bis zum späten Abend. Nur erfahrene und konditionell starke Mountainbiker schaffen dieses Vorhaben.


«Was in Davos möglich ist, geht auch im Wallis», dachten Damian Ineichen und ich (Remo Thommen). Das Wallis bietet sehr lange, wenn auch manchmal technische Trails.

Natürlich hätte man jetzt einfach nach Zermatt fahren können um dort die 10’000 Tiefenmeter in Angriff zu nehmen, doch so einfach wollten wir es uns nicht machen.

Deshalb einigten wir uns auf folgende Bedingungen:

- Jeder Single-Trail darf nur einmal befahren werden.

- Transport nur mittels öffentlicher Verkehrsmittel, wie Zug, Postauto oder Bergbahn

- Start der Tour am Morgen auf einer Bergspitze

- Möglichst viele Destinationen sind einzuplanen.




10'385 Tiefenmeter und über 100 km Single-Trails! Unmöglich?


Ein Blick auf die Wetterkarte am Sonntagmittag, zeigte gutes Wetter für Montag bis Mittwoch. Das war die richtige Gelegenheit, um unser Vorhaben in die Tat umzusetzen. Nach einem kurzen Anruf machten wir uns an die Detailplanung.

Da wir den Startpunkt am Vortag erklimmen würden, sollte der erste Trail möglichst viele Tiefenmeter bieten. Darum entschieden wir uns für den Start vom Illhorn.

Damians Meinung nach gehörte zu unserer ultimativen Wallis Tour auch ein Abstecher in die Simplon Region, obwohl dies einige Zeit in Anspruch nahm.

Bei der Planung merkten wir, dass einer unserer Trail Favoriten nicht möglich sein würde. Der Trail von Gspon hinunter ins Tal konnte wegen der Bahnrevision leider nicht eingeplant werden. Nun fehlten uns 1600 Tm, die es zu ersetzen galt. Zum Glück gibt es neben diesem Trail noch unzählige andere zur Auswahl. Der Entscheid fiel auf einen Trail in Zermatt. Umringt von 29 Viertausendern würde die Abfahrt vom Gornergrat unserer Tour einen krönenden Abschluss bescheren! Nun hatten wir also unseren Plan, mit 10’385 Tiefenmetern und über 100 km Single-Trails.

Die eingeplanten 15 Stunden teilten sich auf in 6-7 Stunden biken und nochmals so viel Zeit für den Transport zu den Trails. Über 7 Stunden in öffentlichen Verkehrsmitteln? In der Zeit könnte man ja von Zürich nach Venedig reisen! Was uns erst endlos erschien, sollte sich später allerdings als wichtige Ruhe und Verpflegungspause zwischen den Trails herausstellen. Obwohl wir mit dem Plan zufrieden waren, wussten wir, dass er einige Knackpunkte enthielt. Ein technischer Defekt zur falschen Zeit hätte unser Vorhaben schnell gefährden können.

Nacht auf dem Illhorn auf 2716 Meter


Am Montag um 13:00 Uhr ging die Fahrt los. Mein Vater, René begleitete uns und würde am nächsten Morgen unser Gepäck zum Auto transportieren. «Und jetzt gib Gas!» rief Damian, denn wir mussten um 16:45 Uhr die Seilbahn in Chandolin erreichen. Nachdem wir es gerade noch rechtzeitig auf die Bahn geschafft hatten, mussten wir die Bikes noch knapp 200 Höhenmeter hochtragen, um das 2717 Meter hohe Illhorn zu erreichen. Oben wurden wir mit einem Sonnenuntergang der Extraklasse und einer phänomenalen Aussicht über das Wallis belohnt. Vom Gipfel, auf dem wir standen, stürzte das Gelände steil, in den über 1500m tiefer gelegenen Illgraben und dem Pfynwald im Rhonetal, ab. Das Tal lag uns zu Füssen, um uns herum die mächtigen Viertausender des Wallis: Weisshorn, Zinalrothorn, Dent Blanche und Matterhorn. Die schönen Abendstunden nutzten wir für ein kleines Fotoshooting. Unser Nachtessen, bestehend aus Käse, Salami, Brot und Schweizer Schoggi, war zwar etwas spartanisch, aber genügte uns alleweil.


Start um 5.45 Uhr ausgerüstet mit Stirnlampen


Die Nacht war kurz und vom Vollmond erhellt. Ich konnte nicht schlafen. Darum fotografierte ich stattdessen die Landschaft im Licht des Mondes. Nach drei Stunden Schlaf klingelte um fünf Uhr der Wecker. Damian leuchtete mir mit seiner Lampe in die Augen: «Und, bist du bereit?» Ich murmelte irgendwas und schaute rüber zu René, dem es ähnlich zu gehen schien. Das Minifrühstück, bestehend aus einigen Resten vom Abend und einem Liter Schoggi Milch, war schnell vertilgt. Wir verabschiedeten uns von René und schauten hinunter in Tal. Grinsend meinte Damian: «Jetzt geht’s los!» Wir atmeten noch einmal tief durch und nahmen die ersten 2200m Downhill unter die Räder. Der einsame Wanderer, der sich aufgemacht hatte um den Sonnenaufgang auf dem Illhorn zu bewundern, hat nicht schlecht gestaunt, als er uns um diese Zeit bereits abwärts biken sah. Wir erreichten Sierre schon um 7 Uhr, ganze 30 Minuten schneller als geplant. Fast hätten wir sogar die frühere Bergbahn nach Crans Montana erreicht. Aber auch so hatten wir genügend Zeit den Trail zu geniessen und etwas zu Essen zu kaufen, bevor wir um 8:35 Uhr wieder in den Zug nach Brig einstiegen.

Im Postauto, das wir dort vorfanden, drängten sich bereits die Leute. Platz für Personen wie uns, die nicht reserviert hatten, gab es darin keinen mehr. Sollte das bereits das Ende unserer Tour bedeuten? Zu unserer grossen Erleichterung bemerkten wir, dass dahinter ein zweites Fahrzeug stand, das zeitgleich diese Strecke fuhr, um dem grossen Touristenaufkommen gerecht zu werden. «Nochmal Glück gehabt!» Der Simplon Trail mit 1600 Tiefenmeter war der schwierigste des Tages. Er begann nicht nur ziemlich technisch, sondern erforderte eine 45-minütige Tragepassage, um den Startpunkt zu erreichen. Trotz der kurzen Nacht war die Konzentration hoch und der Fahrtwind pfiff uns um die Ohren. Unsere Freudenschreie hörte man wahrscheinlich bis in Tal.

Von Brig aus gings über Stalden wieder hoch auf die Moosalp. Der Single Trail via Bürchen nach Visp ist ein Geheimtipp! Da er zudem einer unserer Lieblings Trails ist, kennen Damian und ich jeden Stein. Die Abfahrt ging super schnell. In Visp angekommen, zitterten uns die Hände. Unsere Körper waren vollgepumpt mit Adrenalin von 1400 Metern nonstop Abfahrt.

«Hauptsache wir sind 40 Minuten zu früh!» scherzte Damian und wir lachten.

Der nächste Transport bringt uns nach Visperterminen. Vom Heida Dorf nehmen wir die Sesselbahn nach Giw. Der Trail ist schnell, steil und schmal. Die Seilbahnfahrt dauerte etwas länger als geplant und bei mir zeigten sich erste Schwächeanzeichen, in Form eines Sekundenschlafs, auf einem gemütlicheren Teil des Trails. Ich schaute auf die Uhr. 40 Minuten bis zu unserem Transport in Visp. «Wir müssen uns beeilen!» rief ich zu Damian. Ich war wieder hellwach. Ohne anzuhalten oder nochmals auf die Uhr zu schauen shreddeten wir Den Visperterminen Trail um unser Postauto in Visp gerade noch zu erreichen. Die lange Fahrt zur Moosalp nutzten wir um ein wenig Schlaf nachzuholen. Den Downhill nach Stalden mussten wir nun in nur 35 Minuten schaffen. Bei unserer spontanen Planung des Trips war uns scheinbar entgangen, dass wir für die Trails gegen Ende des Tages immer weniger Zeit eingerechnet hatten. Dieser sechste Trail war ausserdem der Einzige, den wir nicht wirklich kannten. Konnte das gut gehen?

Scheinbar schon, denn eine halbe Stunde später sassen wir bereits im Zug nach Zermatt.


Jetzt schaffen wir es!


Nun war die Erfüllung unseres Plans greifbar nahe. Um 19.24 Uhr schauten wir aus dem Fenster der Gornergrat Bahn und bestaunten, wie Tausende vor uns, das Matterhorn. Um 20.00 Uhr, oben auf 3000m, waren wir, wie jedes Mal, überwältigt vom Zermatter Bergpanorama und den zahlreichen Gletschern. Der Weg zum Riffelsee mit anschliessendem Marc Twain Trail waren ein würdiger Abschluss. Die technischen Passagen im Steilstück fuhren sich nach den 15 Stunden allerdings nicht mehr so geschmeidig wie wir sie in Erinnerung hatten. Das Sahnehäubchen war der sorgfältig angelegte Flow-Trail von Fury bis hinunter ins Dorf.

Um 21.00 Uhr prosteten wir uns mit einem guten Weizenbier zu. Dieses zeigte schnell seine Wirkung. René hatte in weiser Voraussicht ein Hotelzimmer für uns reserviert. Kurz bevor ich einschlief ging mir nochmals das erlebte durch den Kopf: «Was für ein geiler Tag!»





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